von Fredy Künzler
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WYSIWYG.
Ein Begriff aus der grauen Vorzeit der Computer. «What You See Is What You Get», kurz WYSIWYG, stand in den 1980er-Jahren für Desktop-Publishing-Programme wie PageMaker, die eine gestaltete Seite auf dem Bildschirm möglichst exakt so darstellen konnten, wie sie später aus dem Drucker kommen sollte.
Das war damals keineswegs selbstverständlich. Laserdrucker waren teuer und deshalb nicht sehr verbreitet. Die meisten Büros hatten lärmige Nadelkratzer, wie sie spöttisch-liebevoll bezeichnet wurden. Diese sogenannten Nadeldrucker machten in Aktion ein unüberhörbares Kratz-Geräusch.

Bild: Nadeldrucker, Quelle: iStock
Als Begriff mag WYSIWYG heute weitgehend verschwunden sein. Die dahinterstehende Frage ist jedoch aktueller denn je: Entspricht der Inhalt tatsächlich dem, was die Verpackung verspricht? Im Zeitalter von KI-generierten Bildern wird gelogen, dass sich die Balken biegen. «True and fair» hat heute eine ganz neue Bedeutung.
Genauso ist es bei Internet-Anschlüssen. Da steht meistens gross und unübersehbar «10 Gigabit pro Sekunde». Erst im Kleingedruckten findet sich der Hinweis «bis zu» oder «best effort». Der Hochglanzprospekt suggeriert also knapp, dass es auch anders sein könnte. Die beworbene Geschwindigkeit ist kein garantiertes Leistungsversprechen, sondern ein theoretischer Maximalwert unter idealen Bedingungen.
Nominale Bandbreite eines Breitbandanschlusses ist das eine, das tatsächliche Kundenerlebnis manchmal jedoch etwas ganz anderes. Ein Speedtest kann Hinweise liefern, ist jedoch kein zuverlässiger Gradmesser für die dauerhaft verfügbare Leistung. Zeitgemässe Provider-Netzwerke ermöglichen die Priorisierung bestimmter Datenströme. So können beispielsweise Speedtest-Daten bevorzugt behandelt werden, während andere Anwendungen weniger Bandbreite erhalten. Ein einzelner Messwert sagt daher manchmal weniger aus, als viele Kunden glauben wollen.
Für den Internet-Provider ist es attraktiv, hohe Bandbreiten von 10 Gigabit zu verkaufen. Denn die Kunden vergleichen in erster Linie die nominale Geschwindigkeit und den Preis. Ein Blick unter die Motorhaube zeigt jedoch, dass die Realität komplexer ist. Die meisten heute angebotenen 10-Gigabit-Anschlüsse basieren auf XGS-PON-Technologie. Dabei werden die verfügbaren Ressourcen über optische Splitter auf bis zu 32 Teilnehmer aufgeteilt.
Doch es geht noch weiter. Zur Aggregation der XGS-PON-Anschlüsse wird häufig der EA5800-X7 OLT (Optical Line Terminaton) von Huawei verwendet. Dieses Gerät hat bei Vollbestückung 7 Linecards mit jeweils 16 XGS-PON Ports. Man rechne: 7 x 16 x 32 = 3584. Das ist die Anzahl der Kunden, welche auf diesem Gerät angeschlossen sein können. Die maximale Uplink-Kapazität, also die Internet-Bandbreite, die diesen 3584 Kunden bestenfalls zur Verfügung steht, beträgt 40 Gigabit. Tatsächlich nutzbar sind 80% davon. 32 Gigabit dividiert durch 3584 Kunden = 8,9 Megabit(!).

Bild: EA5800-X7, Quelle: HUAWEI
WYSIWYG beim Breitband-Anschluss? Schön wärs.
Die Werbung für einen 10-Gigabit-Anschluss beschreibt somit bloss die Leistungsfähigkeit im Idealfall. Sie sagt jedoch nur begrenzt etwas darüber aus, welche Bandbreite dem Kunden am Sonntagabend zur Hauptsendezeit oder während eines grossen Streaming-Events tatsächlich zur Verfügung steht.
Man nennt dieses Prinzip «Overbooking», harmlos verpackt als «bis zu». Und viele ahnungslose Kunden glauben, sie hätten «sozusagen immer» 10 Gigabit gekauft. Genau deshalb ist die Wahl des Breitband-Anschluss nicht nur eine Frage der nominalen Bandbreite und des Preises, sondern auch eine der Transparenz und Produkt-Deklaration. WYSIWYG eben. Oder, wie wir es öfters sagen: «Jeder wählt seinen Provider freiwillig.»