von Fredy Künzler
Lesezeit: 10 Minuten
Die Ökonomie der Telekommunikationsindustrie
«Ein Internetprovider muss sein Netz nur so gut dimensionieren, dass kein Kunde je den Support anruft.» Dieses Zitat wird dem bekannten deutschen Blogger Felix von Leitner (alias FeFe) zugeschrieben, der sich bis im Frühling 2025 regelmässig zu Internet-Themen äusserte und dabei nicht mit Kritik an der Telekommunikationsindustrie sparte.
Kostenoptimierung
Tatsächlich gibt es für Internetprovider einige ökonomische Prinzipien zur Kostenoptimierung, die allerdings häufig zu Lasten der eigenen Kundschaft gehen. Über Overbooking der Bandbreite im Backbone sowie der Anschlüsse auf Access-Ebene haben wir im Blog bereits geschrieben. Ebenso thematisiert wurden der Missbrauch von Marktposition und die Bemühungen der europäischen Ex-Monopolisten, für Glasfaser-Ausbauten die Content-Industrie zahlen zu lassen. Letztlich geht es immer um dasselbe: Die Rendite steigern und möglichst viel Gewinn abzuschöpfen.
Dabei kommen sämtliche legalen und auch einige illegale Methoden zum Einsatz. Letztere erreichten ihren traurigen Höhepunkt im sogenannten Glasfaserstreit. Doch als regelmässige Leserinnen und Leser dieses Blogs ist Ihnen das natürlich längst bekannt.
Freier Markt und Regulierung im Vorleistungsmarkt
Selbstverständlich wollen wir hier nicht die ökonomischen Prinzipien grundsätzlich schlecht reden. Ein funktionierender Markt verlangt von allen Anbietern mehr Anstrengung, was in günstigeren Preisen und besseren Produkten resultiert. Dies hat der Gesetzgeber erkannt und möchte deshalb maximalen Wettbewerb unter den Telekommunikations-Anbietern. Die freisinnige Doktrin «der Markt regelt alles» gilt zumindest bei Breitbandanschlüssen für Privatkunden in urbanen Gebieten der Schweiz ziemlich gut.
Davon zu unterscheiden ist der Vorleistungsmarkt, den wir auch schon detailliert betrachtet haben. Denn dieser erfordert zwangsläufig eine Regulierung. Wenn der Wettbewerb im Endkundenmarkt maximal spielen soll, brauchen alle Wettbewerbsteilnehmer gleiche und faire Bedingungen. Nur sind diese fairen Bedingungen historisch bedingt nicht gegeben: Die Ex-Monopolistin Swisscom entstand aus der damaligen PTT (Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe), die bis 1998 allein für Telekommunikation-Dienstleistungen zuständig war. Man konnte nur via PTT telefonieren, das Internet war damals noch in den Kinderschuhen. Aus diesem Grund schuf der Gesetzgeber eine Telekom-Regulation und erlegte der Ex-Monopolistin entsprechende Auflagen, sodass die neu in den Markt eintretende Konkurrenz, welche kein umfassendes PTT-Netz «erben» konnte und bei Null beginnen musste, überhaupt eine Möglichkeit zu überleben hatte. Der riesige Vorsprung der Ex-Monopolistin bleibt dennoch in Erinnerung: Damals, in der Zeit um die Jahrtausendwende, als die damalige Diax (heute Sunrise) ihre ersten Mobilfunkmasten aufstellte und versuchte, ersten Kunden erschwingliche Mobiltelefonie zu ermöglichen. Doch die meisten spotteten hauptsächlich über die Diax-Funklöcher. Der Gesetzgeber hatte es versäumt, die Ex-Monopolistin mit ihrem bereits relativ gut ausgebauten Mobilfunknetz zu einem nationalen Roaming zu verpflichten.
Man kann nicht beides haben: «Der Markt regelt alles» bei der Vorleistung und maximaler Wettbewerb für die Endkunden. Doch leider haben nicht alle Mitglieder unserer Legislative in Bern dieses Prinzip begriffen, was sich bei der Debatte über das Fernmeldegesetz in den Jahren 2017 bis 2019 nur zu gut zeigte. Sachfremde Argumente gehörten beinahe schon zum «guten Ton» – bis hin zu «die Swisscom ist eine gute Firma, denn sie sponsere viele Sportveranstaltungen».
Der Bund: gleichzeitig Aktionär und Aufseher
Hinzu kommt der latente Interessenskonflikt von Legislative und Exekutive der Schweiz. Der Bund hält 51% der Aktien und ist damit Mehrheitsbesitzer von Swisscom. Der Bundesrat, der eigentlich die Aufsicht über die Swisscom wahrnehmen sollte, übt sich in Laisser-Faire. Zudem wählt er die offiziell «unabhängige» Regulationsbehörde ComCom und kontrolliert auch das Bundesamt für Kommunikation BAKOM. Bundesrat und Parlament haben ein vitales Interesse, dass die jährliche Dividende von Swisscom zuverlässig in die Bundeskasse fliesst. Sie summierte im Jahr 2025 auf nicht weniger als CHF 581 Millionen oder CHF 22 pro Aktie. Dass jede versuchte Schmälerung dieser Einnahmen für die Bundeskasse einem politischen Selbstmord gleichkäme, verwundert wenig. Bundesbern verhält sich deshalb genau gleich wie jeder andere Aktionär der Swisscom: Es geht um die zuverlässig wiederkehrende Rendite und nicht um gesamtwirtschaftlichen Interessen, die von einem fairen Telekommunikationswettbewerb profitieren würden.
Damit soll selbstverständlich nicht gesagt sein, dass die alternativen Telekommunikations-Dienstleister ihre Chancen nicht genutzt hätten. Im Gegenteil: Man stelle sich vor, es würde heute immer noch ein PTT-Monopol geben! Wir würden uns nach wie vor mit ADSL-Speed rumschlagen. Die wenigen, die Glasfaser hätten, würden jeden Monat ein Vermögen dafür ausgeben und jedes SMS würde 20 Rappen kosten – WhatsApp & Co. wären ausgesperrt und verboten. Tatsächlich kann man heute Internet-Abos mit nominal 10 Gbit/s für unter CHF 40 pro Monat kaufen. Zumindest in urbanen Gebieten. Das ist wesentlich mehr Geschwindigkeit für wesentlich weniger Geld.
Mehr Dividende trotz schrumpfender Umsätze
Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass sowohl Swisscom wie auch die Nummer zwei im Land, Sunrise, fürs das vergangene Geschäftsjahr rückläufige Umsätze vermelden mussten. Swisscom beziffert im Schweizer Geschäft einen Rückgang von 2,3%; Sunrise nennt 1,1% Abnahme. Oder anders gesagt: Die goldenen Jahre der Telekombranche sind vorbei und wer Umsatz und Gewinn halten kann, darf sich glücklich schätzen.
Trotzdem hat die Führung von Swisscom bereits vor Jahresfrist ihren Aktionären angekündigt, eine höhere Dividende von CHF 26 für dieses Jahr auszuschütten. Für 2027 lautet das Versprechen CHF 27. Für 2028 gibt es noch kein Versprechen – aber wenn die Reihe nicht fortgesetzt wird, wäre es eine Enttäuschung. Warum sich das Swisscom-Management so selber in die Bredouille bringt, ist schwer nachvollziehbar. Vermutlich geht man von einer kurzen Halbwertszeit der Chefs aus und der Bonus stimmt ja, zumindest kurzfristig betrachtet.
Sparen beim Service
Folglich muss also gespart werden, denn Rendite gleich Einnahmen minus Ausgaben. Erstere lassen sich kaum mehr steigern, also müssen letztere runter. Man stellt Leute auf die Strasse, vorzugsweise jene teuren Ü55 – auf Kosten von Arbeitsklima und Stimmung. Man drückt die Preise der Zulieferer. Man verzichtet auf notwendige Upgrades und Redundanzen, selbst dann, wenn die Notrufnetze aufgrund eines Single Point of Failure jederzeit ausfallen können. Der Serviceabbau erfolgt schleichend. Meistens «funktioniert» es ja.
Die wenigen Kundinnen und Kunden, welche die Hotline anrufen und sich beschweren, zermürbt man mit endloser Warteschlaufe und stellt sie schliesslich durch zu einem Callcenter-Agent in einem Billiglohn-Land. Früher war das der Kanton Thurgau mit einer unterbezahlten 19-Jährigen namens Samantha Bünzli in einem Callcenter an der Grenze zu Deutschland. Heute wohnt Samantha aber in der Türkei oder im Kosovo, verdient keine 1000€ pro Monat und ist kaum mehr einer Landessprache mächtig, geschweige einem hiesigen Dialekt. Und morgen redet man nur noch mit einer KI-Callcenter-Software, denn die echten Menschen werden wegrationalisiert.
Kundinnen und Kunden, die von solchen Geschäftspraktiken genug haben, versucht man mit allen Regeln der Kunst von der Kündigung abzuhalten, indem diese per Einschreibebrief nicht mehr akzeptiert wird. Will man kündigen, muss man sich durch die endlose telefonische Warteschlaufe quälen, um sich dann von einem Callcenter-Agent mit einem Sonderangebot einlullen zu lassen. Der Fachbegriff dafür nennt sich «Customer Retention». Der Ruf der Telekommunikationsindustrie in der Schweiz, nein weltweit, ist ziemlich am Boden und dies seit Jahren.
Es geht nur noch um Rendite. Aktionäre und Management haben Dividenden- oder Boni-Erwartungen, die befriedigt werden müssen. Als Kunde ist man schon lange nicht mehr Kunde, sondern Nettozahler. Relevant ist nur der ARPU, der «average revenue per user» und der Lohn des CEO.
Dafür nimmt man auch gelegentlich einen Shitstorm in Kauf, wenn landesweit das TV zur Primetime nicht funktioniert oder eine parlamentarische Anfrage, wenn die Notrufnetze ausfallen. Oder überaus fragwürdige Verkaufspraktiken, wie sie vor kurzem der SRF Kassensturz im Zusammenhang mit dem Salt Flagship Store in Bern aufdeckte.
Geschäftsmodell Telekom
Dabei wäre es so einfach. Die Telekommunikations-Industrie basiert auf einem Abonnements-Modell. Ein Kunde abonniert eine Dienstleistung bis auf Widerruf und bezahlt jeden Monat einen fixen Betrag. Als Anbieter kann man zukünftige Einnahmen langfristig bis auf wenige Prozent genau prognostizieren. Ebenso sind die Ausgaben sehr gut planbar. Auch gegen kurzfristige Trends ist ein Internetprovider ziemlich resilient – ob die Kunden Reels lieber auf TikTok oder auf Instagram schauen, spielt keine Rolle. Ein tauglicher Internetanschluss ist heute ein unverzichtbar. Hinzu kommt die Skalierbarkeit: Eine Verdoppelung der Kundenzahl und damit der Einnahmen führt nicht automatisch zu einer Verdoppelung der Kosten.
Diese Fakten beflügeln die Erwartungen der Investoren. Man ist nie zufrieden mit der letztjährigen Rendite. Für «mehr» sind jegliche Tricks «ok». Lockangebote im ersten Jahr, gefolgt von deutlichen Preiserhöhungen im zweiten. «Mach ein Abo und wir schenken Dir einen Fernseher (selbstverständlich aus dem Restposten-Bestand vom vorletzten Jahr) dazu!». «Lebenslanger Rabatt!», natürlich nur für Neukunden. Manchmal ist es wirklich zum fremdschämen, welche Tricks sich Produktverantwortliche der Industrie ausdenken.
Die CHF 1.90 Rechnung
Im ersten Quartal 2026 hat die Rendite-Gier eine neue Dimension erreicht. Swisscom hat angekündigt, dass alle Mobilfunk- und Breitbandabonnemente um CHF 1.90 pro Monat verteuert werden. Die meisten Kunden denken vermutlich «jä nu», das Leben wird halt teurer und ein Stutz 90 ist ja nicht die Welt. Doch wenn man kurz rechnet, dann sieht man die Szenarien, die sich das Swisscom-Management überlegt hat. CHF 1.90 entspricht CHF 22.80 pro Jahr. Nimmt man an, dass von der Erhöhung 7 Millionen Abonnemente betroffen sind (konservative Schätzung), beträgt der Mehrertrag CHF 159,6 Mio pro Jahr. Natürlich hat man etwas «Churn» (Kundenverluste aufgrund von Kündigungen) einkalkuliert.
Unter der Annahme, dass die 7 Millionen Abos durchschnittlich CHF 50 pro Monat kosten, beträgt der Gesamtertrag CHF 4,2 Milliarden pro Jahr. Steigt nun der Preis um CHF 1.90 pro Monat, erhöht sich der Gesamtertrag auf CHF 4,359 Milliarden. Natürlich gibt es Erfahrungswerte beim Kundenverlust – wenn man also annimmt, dass 2% der Kunden kündigen, lohnt es sich trotzdem noch. Die verbleibenden 6,86 Millionen Kunden zahlen nämlich immer noch CHF 4,272 Millionen in die Kasse. 2% weniger Kunden bedeuten aber auch 2% weniger Support-Personal, aber CHF 72 Millionen mehr Gewinn.
Für die preisbewusste Kundschaft unterhalten alle grossen Anbieter Zweit- und Drittmarken, sogenannte Flanker Brands. Bei Swisscom ist es Wingo, bei Sunrise Yallo, CHmobile und Lebara, bei SALT GoMo. Die Aufzählung entbehrt natürlich jeder Vollständigkeit. Dies ermöglicht es, die Preise der «Premium-Marke» hoch zu halten. Ist ein Kunde nicht mehr zufrieden, kann man ihn zur Zweitmarke verlagern. Das ist immer noch besser, als ihn an die Konkurrenz zu verlieren.
Eine weitere beliebte Möglichkeit zu Renditeoptimierung sind alte Abo-Modelle. Wenn ein Kunde jahrelang auf einem alten Mobilfunk-Tarif bleibt, den es längst nicht mehr neu zu kaufen gibt, weil er nicht mehr konkurrenzfähig wäre, dann überzahlt der Kunde Monat für Monat. Mit der durch Swisscom angekündigten Preiserhöhung von CHF 1.90 pro Monat wurde eine Liste der betroffenen Abo-Typen veröffentlicht. Bei der Mobiltelefonie sind es nicht weniger als 62 verschiedene Abo-Tarife mit Kundenverträgen, die pauschal erhöht werden. Dazu gehört beispielsweise auch das Abo namens «NATEL® infinity 2.0 XL» für satte CHF 199.00 pro Monat, das neu CHF 200.90 kostet (Quelle: Swisscom).
Im Breitband-Bereich ist die Ökonomie etwas anders gelagert. Wie bereits erwähnt skaliert das Ertragsmodell relativ gut. Einerseits bleiben die laufenden Grundkosten pro Glasfaser-Pop ähnlich hoch, egal ob 50 oder 200 Kunden angeschlossen sind. Andererseits sind die Produktionskosten pro Anschluss identisch, egal ob das Breitband-Angebot 10Mbit/s oder 10Gbit/s Bandbreite beinhaltet. Es gibt daher keinen sachlichen Grund, für ersteren CHF 39 und letzteren CHF 89 zu verrechnen. Die Abstufung nach Bandbreite und Preis dient einzig dafür, die Zahlungsbereitschaft mancher Kundensegmente abzuschöpfen.
Init7 machts anders
Init7 hat bereits 2014 von der Bandbreiten-Limitierung Abschied genommen und Fiber7 seinerzeit für erschwingliche CHF 777 pro Jahr oder CHF 64.75 pro Monat lanciert. 1 Gigabit symmetrische Bandbreite war damals das technische Limit. Der Preis ist auch nach zwölf Jahren immer noch unverändert, während die erneuerte Infrastruktur 10 und 25 Gigabit Bandbreite erlaubt, wovon alle Fiber7 Bestandskunden profitieren können. Wir wurden öfters gefragt, warum wir für 25 Gigabit nicht mehr Geld verlangten, denn viele Kunden würden gerne mehr zahlen.
Der Grund ist simpel: Es geht und ging uns nie ausschliesslich um die Rendite. ARPU ist für uns sekundär. Wir sind der Überzeugung, dass es möglich ist, einen Kontrapunkt zu den Praktiken der «Grossen» zu setzen. «Internet ohne kaputt» ist unser Berufsstolz. Dazu gehören ganz viele Aspekte, nicht nur die nominal höchste Bandbreite. Wir verzichten bewusst auf kurzfristige Aktionen wie Blackfriday-Rabatte, die sich für jeden langjährigen Bestandskunden wie eine Ohrfeige anfühlt. Bei uns arbeiten alle Mitarbeiter:innen in Winterthur oder im Homeoffice in Pendeldistanz und nicht in einem Billiglohn-Land. Es ist unser Anspruch, unsere Kunden nicht stundenlang in der Hotline-Warteschlaufe hängen zu lassen. Wir verkaufen nur Produkte und Dienstleistungen, von denen wir selber überzeugt sind. Wir betreiben eine eigene schweizweite Infrastruktur mit inzwischen über 400 Glasfaser-PoPs, weil reines Reselling vorkonfektionierter Produkte nicht unserem Qualitätsanspruch genügt. Unsere Aktionäre sind aus Leidenschaft dabei und haben seit weit mehr als einer Dekade keinen Rappen Dividende erhalten, denn unsere Gewinne werden fortlaufend reinvestiert. Wir sind mit dem Glasfaserstreit durch die Instanzen gegangen, damit die Wettbewerbsbedingungen der Telekommunikationsindustrie es ermöglichen, dass alle Menschen in der Schweiz eine echte Auswahl ihres Internetproviders haben und nicht nur dasselbe Produkt in einer anderen Verpackung für ein paar Rappen mehr oder weniger kaufen können
Doch auch wir sind nicht perfekt und kochen nur mit Wasser. Manchmal geht es schief. Bei den Google-Bewertungen erhalten wir fast immer eine 5 oder manchmal eine 1. Kaum Grauzonen dazwischen und ja, selbstverständlich versuchen wir die Einsen nach Kräften zu vermeiden. Wir haben auch nicht den Anspruch, für alle und jeden das perfekte Produkt zu haben. Manche Menschen sind bei einem regionalen Anbieter mit Support vor Ort besser aufgehoben. Das ist ok. Jeder wählt seinen Provider freiwillig. Aber, dass inzwischen fast alle eine Wahl haben, ist auch unser Verdienst.
Ein Kunde hat mal gesagt, bei Init7 gäbe es «Bio-Internet». Ob dies tatsächlich so ist, lassen wir offen. Aber eins ist sicher: Init7 Internet, made with ❤️ in Winti.